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Hoch auf des Turmes Glockenstube

(Layout noch in Arbeit)

Seit vielen hundert Jahren sind Glocken mit Kirche verbunden, stehen für Feierlichkeit, rufen zu Gottesdienst und Gebet, erklingen bei der Wandlung und dem Vaterunser, bei Bestattungen (Totenglöckchen!), läuten den Tag und das Wochenende ein. Papst Calictus III. befahl in einer Bulle 1456 das Mittagsgeläut, damit täglich für den Sieg der Ungarn über die Osmanen gebetet werde. Interessanterweise ist ausgerechnet dieses Dekret zur genauen Zeitansage zu spät gekommen, da Mehmed II. bereits eine Woche vorher bei Belgrad geschlagen worden war. 

Von Anfang an erfüllten die Kirchenglocken neben ihrer spirituellen auch eine ganz profane Aufgabe: Vom hohen Kirchturm herab verkündeten sie die Zeit. Welche Zeitzeichen dabei besonderer Signale für wert erachtet wurden, ist regional unterschiedlich. Die Spätzlesglocke  im Freiburger Münster beispielsweise läutet um 11.00 Uhr und zeigt an, dass es Zeit ist, das Wasser aufzusetzen. Seit 1849 erklingen die Glocken in Erlangen zur Jahreswende. Glocken alarmierten bei Brand und Krieg, signalisierten den Wirtschaften die Sperrstunde, läuteten bei Hinrichtungen oder Pestgefahr. Bevor jeder eine Uhr am Handgelenk und eine weitere im Handy trug, richtete man sich nach dem Stundenschlag der Kirchen. Und noch heute sagt man, dass Weißwürste das Mittagsläuten nicht mehr hören dürfen ... 

In der Provence ertönt bis heute jeder Stundenschlag doppelt. Bis zur Einführung mechanischer Schlagwerke im Mittelalter hatten dort die Nachtwächter stündlich zu läuten. Um sicherzustellen, dass diese, nun ihrer glöcknerischen Pflicht enthoben, nicht schliefen, wurde festgelegt, dass sie unmittelbar nach dem automatischen Zeitsignal den Turm zu besteigen und eine Zusatzglocke zum Beweis ihrer Wachsamkeit zu läuten haben.

Bei uns wird nur einfach geläutet - pardon: geschlagen. Und auch das wird von manchem noch als störend empfunden. Was dem Einen Ausdruck von Tradition und vertrauter Gegenwart seiner Kirche ist, empfindet der andere als nervenzermürbende Störung der Nachtruhe. Wie in etwa der Hälfte des Dekanats verstummen deshalb in Frauenaurach (auf Beschluss des Kirchenvorstands vom Mai 2007) ab Mitternacht die (weltlichen) Stundenschläge und beginnen mit einem (kurzen) Gebetsläuten um sechs Uhr morgens wieder.  

Das Frauenauracher Geläut 

Vier Glocken sind es, die im Glockenstuhl der Klosterkirche hängen. Nur drei von ihnen sind beim „vollen Geläut“ zu hören: Mit über einem Meter Durchmesser ist die Glocke der Gießerei Graulich (Bild rechts und Titelbild) aus dem Jahre 1744 die größte, sie ist auch für den tiefen Stundenschlag verantwortlich. Dass im 18. Jahrhundert eine Gießerei aus Hof beauftragt wurde, verwundert; gab es doch damals eine berühmte Gießhütte in Forchheim.  Die beiden mittleren Glocken (von Lotter in Bamberg und Rincker in Sinn) stammen aus den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts und ergänzten noch vor der großen Renovierung nach dem Krieg die beiden historischen Glocken, die unversehrt wieder in die Kirche zurückgekehrt waren. Einzig die Gießerei Rincker existiert noch heute, sie ist die älteste bestehende Glockengießerei Deutschlands (seit 1590) - und eine der bedeutendsten. 1960 wurden dort die sechs Glocken für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gegossen.

Die vierte und mit knapp 60 cm Durchmesser kleinste, die Totenglocke (Bild nächste Seite oben), ertönt einzeln bei Beerdigungen. Sie ist übrigens mit über 350 Jahren auch die älteste des Geläuts, die viertälteste in Erlangen und wurde 1652 von L. Löw in Nürnberg, dem damaligen Zentrum der mittelfränkischen Geschütz- und Glockengießerei, gegossen. Damit ist sie weit älter als der 1717 fertiggestellte Glockenturm und stammt sogar noch aus der Zeit vor der Wiederherstellung von Schloss und Kirche. Ihr Ton wird mit f“ angegeben, aber dieser „Nominalton“ schwingt nur im Moment des Anschlags und tritt (genau wie bei allen Glocken) akustisch sofort hinter einer Vielzahl von Obertönen zurück.

Wie eine Glocke klingt, d.h. welches Obertonspektrum sie hat, hängt u.a. von ihrer Form ab, und diese wiederum spiegelt die Klangideale der jeweiligen Epoche wider, in der sie gegossen wurde. Die „Kronen“ aller Glocken in der Klosterkirche waren bis 2011  mit Rundstahlbändern an Stahljochen befestigt (Bild links). Stahljoche – in der Mitte des 20. Jahrhunderts üblich – werden heute nicht mehr gerne verwendet, da sie den Klang der Glocken negativ beeinflussen.

Zweifellos existierten schon vor 1652 Glocken in Frauenaurach, haben doch zwölf Jahre zuvor die durch den 30jährigen Krieg dezimierten Erlanger in Frauenaurach angefragt, ob man ihnen eine Glocke für die Martinsbühler Kirche leihen könne. Erfunden wurden Glocken übrigens vor über 3000 Jahren in China. Bei uns läutet es seit dem 6. Jahrhundert, allerdings wurden die Glocken bis vor 1100 Jahren nicht gegossen, sondern getrieben. Seit dem 10. Jahrhundert hängen sie in eigenen Glockentürmen, bis dahin in kleinen Dachreitern auf den Kirchendächern.

„Festgemauert in der Erden ...

... steht die Form aus Lehm gebrannt.“ Der Anfang ist bekannt, den kompletten Text von Schillers langatmigem Werk über den Guss einer Glocke haben sicher nicht alle im Kopf – daher sei das Verfahren kurz beschrieben:

Auf einen gemauerten, hohlen Glockenkern wird eine Glocke aus Lehm (Schriftzüge und Verzierungen aus Wachs) modelliert. Darüber wird, mit einem Trennmittel zwischen Glocke und Form, wieder ein Mantel aus Lehm gestrichen. Nach dem Brennen der gesamten Anordnung wird der Mantel abgehoben, die Lehmglocke zerschlagen und der Mantel wieder aufgesetzt. In den entstehenden Hohlraum füllt man nun das Glockenmetall, in der Regel Bronze. Interessant hierbei ist, dass die ganze Form, damit sie nicht unter der Last des Metalls birst, eingegraben und erst nach mehrwöchiger Abkühlungszeit wieder freigelegt wird. 

Das Material

Um das Material Bronze (eine Kupfer-Zinn-Legierung) kommt man kaum herum. Andere Metalle wie Messing, Gussstahl, Eisen sind durchaus – da preisgünstiger – verwendet worden. Allerdings wiegen ihre Nachteile (geringe Lebensdauer, kurzer Nachhall, schlechter Klang bei hohem Gewicht) so schwer, dass solche Glocken meist über kurz oder lang gegen Bronzeglocken ausgetauscht werden.

Der Klang

Wird eine Glocke angeschlagen, erklingt nach dem Schlagton (eine Oktave über dem Grundton) ein vielfältiges Spektrum von Obertönen. Seit dem Barock werden die Glocken eines Geläuts aufeinander und auf die Töne der Nachbarkirchen abgestimmt. In Frauenaurach erklingen die drei großen Glocken (das Totenglöckchen wird nie mit ihnen gemeinsam geläutet) in den Tönen fis’ - a’ - h’, was dem in vielen Kirchen verwendeten „Te-Deum-Motiv“ entspricht.

Rekorde

Eine Glocke im Erfurter Dom bringt es auf beeindruckende sechs Minuten Nachhall. Horchen Sie doch einmal, wie lange unsere Glocken nach dem Stundenschlag zu hören sind! Die größte freischwingend läutbare Kirchenglocke (3 m Durchmesser, 24 t Gewicht) hängt im Kölner Dom. Außerhalb von Kirchen macht ein japanischer 36-Tonner das Rennen. Übertroffen werden sie alle von der größten frei hängenden (nicht schwingenden) Glocke, die sich mit 90 t in Myanmar befindet, sowie der Zarenglocke im Moskauer Kreml, die auf unglaubliche 202 t Gewicht kommt, aber nie geläutet wurde. Bescheiden nimmt sich dagegen die nur 1 t schwere, in ganz alter Tradition bienenkorbförmig gegossene Lullusglocke in Bad Hersfeld aus, die von 1038 stammt und die älteste datierbare Glocke Deutschlands ist.

Matthias Görtz