Die Fresken von Kriegenbrunn

Die kleine Kirche im kleinen Nachbarort steht zu Unrecht oft im Schatten der Klosterkirche. Nicht, weil diese vor einigen hundert Jahren „nur“ Filialkirche von Kriegenbrunn gewesen ist, sondern weil die mittelalterliche Wehrkirche reich bemalte Wände aus der Erbauungszeit zu bieten hat. Doch ebendiese sind nun in Gefahr.

Die Wandmalereien gehören für uns ganz selbstverständlich zum Anblick der Kriegenbrunner Kirche, dabei sind sie wohl jahrhundertelang von moderneren Anstrichen bedeckt gewesen und erst 1941 wieder freigelegt worden. 

Die Geschichte der Johannes (dem Täufer, nicht dem Evangelisten!) geweihten Kirche soll bis ins 9. Jahrhundert zurückreichen, wovon allerdings nichts übrig geblieben ist. Aber selbst der heutige Bau hat ein eindrucksvolles Alter: der Turm, der im unteren Teil den gesamten Chor enthält (diese Bauweise ist bei kleinen romanischen Kirchen nicht selten), stammt aus dem 13./14. Jahrhundert. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde das Langhaus angebaut und farbig ausgemalt.

Bilder an den Wänden

Das Innere von Kirchen farbig zu bemalen, war nicht ungewöhnlich. Der oft des Lesens unkundigen Gemeinde wurde auf diese Weise der Inhalt biblischer Geschichten oder auch andere belehrende Inhalte bildlich dargestellt. In einer Zeit, in der die Messe gänzlich in lateinischer Sprache gefeiert wurde, dürfte das für die meisten Laien der eindrücklichste Zugang zur Heiligen Schrift gewesen sein.

Die massive Bauweise des Mittelalters erlaubte nur kleine Fenster, zumal in einer naturgemäß trutzigen Wehrkirche. Somit muss man sich die Wandbilder vor allem von Kerzen beleuchtet vorstellen. In gotischen Kirchen waren die Fenster dann für farbige Glasbilder, die vom Tageslicht zum Strahlen gebracht wurden, groß genug geworden. Die Bedeutung von figürlichen Wandbildern trat dadurch zunächst in den Hintergrund. 

Was ist ein Fresko? 

Hinter dem Begriff „Fresko“ steht eine aufwendige Maltechnik. Dabei wird zunächst der Untergrund in bis zu sieben immer dünner werdenden Schichten unterschiedlicher Zusammensetzung frisch verputzt. Die letzte Schicht bindet einen Tag lang ab, bis sie fest, aber noch nicht ausgehärtet ist. Dann hat der Künstler genau einen Tag lang Zeit, die Farbe („al fresco“, also „auf nass“) aufzubringen, damit die Pigmente in den Putz einziehen können. Für nachträgliche Ergänzungen und Korrekturen muss der Putz an der betreffenden Stelle abgetragen und samt Farbauftrag erneuert werden. Die Farbenwahl ist dabei sehr eingeschränkt, da nicht alle Farbstoffe im alkalischen Milieu des Kalkputzes chemisch stabil sind. 

Alternativ kann auch auf den durchgehärteten Putz „al secco“, also „auf trocken“ gemalt werden. Dies ist aber weniger dauerhaft, da die Farbpigmente nur auf die Oberfläche aufgelagert und nicht in die chemische Struktur des Putzes eingebunden werden. 

Der Begriff „Fresko“ wird allerdings umgansgsprachlich allgemein für alle auf den Putz von Wänden aufgetragene Malereien verwendet. Auch die Bemalung in unserer Kriegenbrunner Kirche ist zumindest zum größten Teil al secco ausgeführt, so handelt es sich genau genommen bei den Wandbildern gar nicht um echte Fresken. 

Die Motive der Kriegenbrunner Fresken 

Der inhaltliche Bezug der Abbildungen zueinander erschließt sich nicht sofort. Offenbar hat der Maler einfach alles dargestellt, was ihm für das religiöse Leben der Dorfgemeinde wichtig erschien: 

An der Decke zwischen den Kreuzrippen des Chorturms sind die Attribute der vier Evangelisten dargestellt: geflügelter Mensch (Matthäus), geflügelter Löwe (Markus), geflügelter Stier (Lukas) und Adler (Johannes). Die Wände des Chorturms sind rein ornamental ausgemalt.

An der Südwand der Kirche sehen wir oben rechts neben dem Fenster die Taufe Jesu im Jordan. Hinter ihm steht ein Engel, der sein Gewand hält; Schultern und Flügel sind erkennbar, der Kopf ging wohl bei Ausbesserungsarbeiten verloren. Johannes wird durch Lamm und Buch (hinter ihm) als der Täufer kenntlich gemacht. 

Unter dieser Szene sind die vier Hauptjungfrauen dargestellt (v.l.n.r.): Katharina von Alexandrien, die im Mittelalter eine der beliebtesten Heiligen überhaupt war und Patronin unzähliger Berufsgruppen und Städte, der Kirchen, Bibliotheken und Universitäten ist. 

Ob Barbara von Nikomedien wirklich gelebt hat, ist nicht sicher, was aber Pyrotechniker, Maurer, Artilleristen, Elektriker, das THW und viele andere nicht daran gehindert hat, sie zur Patronin zu wählen. Außer mit Kelch und Hostie wird sie oft mit einem Turm als Symbol ihrer Standhaftigkeit dargestellt. Die Barbarazweige vor Weihnachten erinnern an sie, und die Pulverkammer auf französischen Schiffen wurde nach dieser Schutzheiligen der Büchsenmacher „La Sainte Barbe“ genannt.

Margareta von Antiochia soll sehr schön gewesen sein, was sie wohl in mehr Schwierigkeiten stürzte als ihr Glaube. Sie gilt u.a. als Patronin der Schwangeren und Jungfrauen (sic!) und wird meist zusammen mit dem Drachen dargestellt, der sie im Gefängnis beinahe verschlungen hätte, den sie aber mit dem Kreuzeszeichen abwehren konnte. 

Dorothea gehört zwar zu den vier Hauptjungfrauen, als einzige der Gruppe aber nicht zu den vierzehn Nothelfern. Das Körbchen in ihrer Hand geht auf die Legende zurück, sie habe auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung einen heidnischen Juristen bekehrt, indem sie ihm, von einem Engel gebracht, einen Korb mit Rosen und Äpfeln „aus dem Garten ihres Bräutigams Jesus Christus“ überreichte. 

Die linke Seite der Südwand lässt oben die Verkündigung an Maria erahnen, darüber die (einzig noch gut erkennbare) segnende Hand Gottes. Unten ist der Kampf St. Georgs mit dem Drachen zu sehen, oberhalb der Lanze treten die Königstochter und ein Lamm ins Bild, die dem Drachen geopfert werden sollten.

Wenden wir uns der gegenüberliegenden Nordwand zu, sehen wir rechts oben, durch einen späteren Fensterdurchbruch beschädigt, eine Kreuzigungsszene sowie Maria im Strahlenkranz. Darunter erkennt man auf einer stark in Mitleidenschaft gezogenen Fläche Schwert und Waage, was zum Erzengel Michael gehören dürfte. Wen die Gestalt im braunen Gewand daneben darstellt, ist unklar. Links davon steht auf ganzer Höhe der Wand Christophorus, der Christus auf der rechten Schulter trägt. 

Unter der Empore zielt ein Bogenschütze auf den Hl. Sebastian, der von Pfeilen durchbohrt an einen Baum gebunden steht. Ganz links eine deutliche Mahnung zur Aufmerksamkeit im Gottesdienst: Eine schwätzende Frau wird angesichts des drohenden Teufels (der sie mit „lap lip lap“ nachäfft) von einer anderen ermahnt: „clefer dich nit“ - „schwätze nicht“. Leider ist nicht entzifferbar, was die „Schwätzerin“ sagt. Keine wirklich biblische Darstellung, aber sicher ganz nah an der Lebenswirklichkeit der Gemeinde. 

Restaurierung

Die fast 600 Jahre alten Darstellungen wurden nicht nur durch Veränderungen am Bau und Übermalungen, sondern auch durch die Einflüsse der Zeit in Mitleidenschaft gezogen. Obwohl sie seit der Freilegung 1941 mehrfach (1953 und 1974-76) restauriert wurden, sind es nun - neben anderen Schadbildern - vor allem Hohlräume hinter dem Putz, die die Gefahr bergen, dass sich die Bilder völlig von der Wand lösen. Leider haben die Materialien und Maßnahmen der vorangegangenen Restaurierungsarbeiten der Substanz nicht immer gut getan.

Im Jahre 2011 wurde von der Berliner Restauratorin Judith Kauffeld eine eingehende Analyse der Schäden erstellt. Auf dieser Basis wurden im Sommer 2013 Arbeiten zur Sicherung der Wandbilder ausgeführt. Schließlich hat unsere Kriegenbrunner Kirche mit ihrer fast vollständigen historischen Ausmalung - seien es nun Fresken oder nicht - etwas ganz Besonderes zu bieten. 

Matthias Görtz 

Quellen: 
- Prof. Dr. E. Kutsch: Ev. luth. Kirche Kriegenbrunn, 1986; 
- wikipedia; 
- J. Kauffeldt: Erfassung und Kartierung der Schäden und Schadensbilder der Wandmalereien im Langhaus.