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Ev. Kirchengemeinden Frauenaurach und Kriegenbrunn

Das Thema: Taizé

Quelle: Artikel aus dem Gemeindebrief März 2006

Obwohl der Name des kleinen Dorfes in Burgund seit Jahrzehnten in aller Welt bekannt ist, obwohl jeder jemanden kennt, der schon dort war, obwohl es eine Abendandacht mit Gesängen von dort in unserer Kirche gibt - nicht jeder kann wirklich etwas mit dem Begriff anfangen. Für uns der Anlass, diesem Gemeindebrief das Thema "Taizé" zu geben und Ihnen diesen Ort näherzubringen.

"Wenn die Kirche zuhört, heilt und versöhnt, wird sie zu dem, was sie ist, wo es in ihr am hellsten leuchtet, lauter Widerschein einer Liebe" (Frère Roger).

Die Brüder von Taizé


Am 20.August 1940 kam ein Schweizer Theologiestudent namens Roger Schutz nach Taizé, mit der Idee, zwischen Cluny und Cîteaux -zwei Zentren monastischer Tradition - eine Brüdergemeinschaft zu gründen. Bedingt durch die Lage nahe der damaligen Demarkationslinie zwischen dem von Vichy verwalteten und dem deutsch besetzten Teil Frankreichs fanden während der ersten Jahre bei ihm Juden und andere politisch Verfolgte Unterschlupf, später nahm er deutsche Kriegsgefangene bei sich auf. 1949 verpflichteten sich sieben Brüder zu einem Leben in Einfachheit und Ehelosigkeit und gründeten die ökumenische "Communauté de Taizé". Vertrauen und Versöhnung zwischen allen Menschen, Konfessionen und Religionen bildete von Anfang an das Leitmotiv der Brüder.

Seit den sechziger Jahren kamen immer mehr Jugendliche aus der ganzen Welt nach Taizé, um gemeinsam nach Antworten auf Fragen ihres Lebens und Glaubens zu suchen. Nie ging es darum, eine Gemeinde oder Bewegung zu gründen. Wer nach Taizé kommt, um hier eine Woche das Leben der Brüder zu teilen, soll Anregungen erhalten, selber nach den Quellen seines Glaubens zu suchen und sich in seinem eigenen Umfeld zuhause für Frieden und Verständigung zu engagieren.

Heute gehören über hundert Brüder der Communauté an, viele leben für längere Zeit in kleinen Fraternitäten in aller Welt und teilen dort die Lebensbedingungen der Armen. Die Brüder von Taizé und vor allem ihr langjähriger Prior, Frère Roger, suchten stets den Dialog mit allen Konfessionen. Das Bemühen um Nächstenliebe, Toleranz, Vertrauen und Versöhnung machten sie in aller Welt bekannt für glaubwürdiges Christentum. Am 16.August 2005, fast genau 65 Jahre nach seiner Ankunft in Taizé, starb Frère Roger durch ein Attentat während eines Gottesdienstes. Sein Nachfolger als Prior ist der deutsche Bruder Frère Alois.

Besuch in Taizé

Der Hügel von Taizé ist auf den ersten Blick ein riesiges Jugendcamp mit Zelten, Baracken und wenigen einfachen Häusern um eine durch Anbauten immer weiter vergrößerte Kirche herum. Jugendliche aus aller Welt kommen, um dreimal täglich in die Kirche zu gehen, miteinander zu reden, zu arbeiten und über ihren Glauben nachzudenken. Aber das ist nicht alles.

Taizé ist ein Phänomen, das sich der nüchternen Beschreibung entzieht, zumal es jeder anders erleben wird: der Pilger, der mit Rucksack und Fahrrad die letzten Meter bergan bewältigt, die Konfirmandin, deren Gruppe gerade aufgeregt aus einem Reisebus quillt. Der einzige Deutsche, der sich im kalten November zusammen mit 19 weiteren Gästen aus sieben Ländern hier trifft, die Stadträtin, die im heißen August zum ersten Mal ankommt und in der Kirche mit sechstausend Christen aus allen Kontinenten "Bonum est confidere in Domino" singt.

Taizé ist ebenso ein sonnendurchglühter Hügel zwischen zwei romantischen Dörfern, auf dessen Wiesen sich mittags Jugendliche in der Sonne aalen, Gitarre spielen, sich über ihre Gemeinden austauschen, ihren Schulfrust oder nervende Eltern, über die Bibel oder Gott und die Welt. Ebenso kann Taizé von einem Tag auf den anderen verregnet, kalt und schlammig sein, mit in engen Kreisen unter Vordächern oder Zeltplanen sitzenden, pullover- bewehrten Gesprächsgruppen. Nicht aus Taizé wegzudenken ist das Café Oyak, der "non-profit-store", wo man zum Selbstkostenpreis alles bekommt, was in der Woche wichtig sein kann: Kaffee, kalte Getränke, Süßes, Taschentücher, Stifte, Papier, Kartoffelchips, Ohrstöpsel (!), Nähzeug, Straßenkarten, Telefonkarten ...

Zu Taizé gehört auch die Essensschlange, in der dreimal täglich ein paar tausend hungrige Menschen meist diszipliniert darauf warten, eine einfache Mahlzeit auf Plastikteller und Plastiktablett in die Hand gedrückt zu bekommen. Taizé ist, wenn man sich eine halbe Stunde auf englisch unterhält, um festzustellen, dass beide Gesprächspartner aus Mittelfranken kommen. Taizé, das sind natürlich auch die gemeinsamen Gebete in der Versöhnungskirche, deren Altarraum und die Kreuzikone von ein paar Kerzen erleuchtet sind, die Lesung aus den Reihen der weißgewandeten Brüder, vielstimmige Gesänge aus ein paar tausend Kehlen.

Taizé ist Meditation, Spaziergänge über die umliegenden Felder oder an die Quelle von St.Etienne, kurze und lange Gespräche, tiefe und fröhliche, Kirchentagsstimmung oder schweigende Bibellektüre. Eine große Kirche und eine kleine Krypta. Inderinnen im Sari, Afrikaner in feinem Zwirn, Australier in Jeans, Spanier mit Gitarre. Und viele werden sagen: Taizé, das sind vor allem die vielen interessanten Menschen, die man dort trifft.

Wege nach Taizé

Taizé liegt in den burgundischen Hügeln, in Frankreich. Der nächste größere Ort ist das elf Kilometer südlich gelegene Cluny, die nächste wirklich größere Stadt ist Lyon, weitere 70 km in der selben Richtung. Mit dem Auto (oder Fahrrad) fährt man ca. 750 km, schon 50 km vor dem Ziel ist Taizé ausgeschildert (für einen Ort von nur 40 Einwohnern ziemlich einmalig). Wer nicht selber fahren will, kann den Regenbogen - Fahrdienst (Tel. 07141 / 975 4322) nutzen, der jedes Wochenende per Reisebus die Strecke Karlsruhe - Taizé (mit verbilligten Bahn-Anschlussfahrten) bedient.

Die reine Anfahrt mit der Bahn ist nur etwas für Liebhaber: Während der elf bis dreizehn Stunden Fahrt muss man je nach Verbindung bis zu acht Mal umsteigen, und der ungünstigen Streckenführung wegen führt der Weg unter Umständen über Paris, Köln oder Brüssel. Viele Gemeinden organisieren Fahrten mit Klein- oder Reisebussen, besonders in der Osterwoche. Hier lohnt sich die Anfrage, ob noch Plätze für Interessierte aus anderen Gemeinden frei sind. Eine vorherige Anmeldung in Taizé ist aus organisatorischen Gründen notwendig, besonders für Erwachsene und Gruppen.

Ausführliche Informationen - nicht nur über die Anreisemöglichkeiten - findet man auch auf der Internetseite der Communauté (www.taize.fr).

Die Brüder nehmen keine Spenden an. Das Leben der Communauté und die Unterstützung Bedürftiger werden ausschließlich aus eigener Arbeit finanziert. Die Kostenbeiträge für den Aufenthalt richten sich nach Alter, Herkunft und finanziellen Möglichkeiten.

Matthias Görtz